In einem aktuellen Diskurs um ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige stehen vor allem die Gefahren sozialer Medien im Vordergrund. Häufig wird dabei jedoch außer Acht gel
assen, dass Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube auch positive Möglichkeiten für Heranwachsende bieten. Sie ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, neue Interessen zu entdecken, sich über aktuelle Themen zu informieren und ihre Kreativität auszuleben. Gleichzeitig sind sie mit Risiken wie Cybermobbing, problematischen Inhalten, unrealistischen Schönheitsidealen oder übermäßigem Medienkonsum konfrontiert. Umso wichtiger ist es, nicht nur über Verbote zu diskutieren, sondern auch darüber, wie junge Menschen einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien entwickeln können. Dabei stellt sich die Frage, wie Kinder und Jugendliche TikTok und Co. sinnvoll zu ihrem Vorteil nutzen können und wie sie für mögliche Chancen und Risiken sensibilisiert werden können.
Soziale Medien im Alltag Jugendlicher
Soziale Medien haben in der Lebenswelt Jugendlicher einen hohen Stellenwert und stellen die Medienpädagogik im Hinblick auf die Entwicklung von Medienkompetenz vor neue Herausforderungen. Sie ermöglichen es ihren Nutzern Informationen zu teilen, sich mit anderen zu vernetzen und eigene Inhalte zu erstellen. [1] Aus dem Alltag junger Menschen sind Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube oder Snapchat daher kaum noch wegzudenken. Ein großer Teil der Jugendlichen verbringt täglich mehrere Stunden am Bildschirm. 69 % überschreiten dabei die vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfohlenen zwei Stunden täglicher Bildschirmzeit [2], 27 % kommen sogar auf fünf Stunden oder mehr [3]. Durchschnittlich verbringen Kinder und Jugendliche werktags 146 Minuten und am Wochenende 201 Minuten mit sozialen Medien. [4] Auch die Verbreitung von Smartphones verdeutlicht deren Bedeutung: Bereits 83 % der 10- bis 11-jährigen nutzen ein Smartphone oder Handy. Bei den 12- bis 13-jährigen sind es 96 %. [5] Zudem nutzen 95 % der Jugendlichen das Internet täglich. Zu den beliebtesten Angeboten zählen WhatsApp, Instagram, Snapchat, TikTok, und YouTube. [6] Die intensive Nutzung sozialer Medien wird häufig mit Risiken verbunden. Gleichzeitig bieten diese Plattformen zahlreiche Chancen für Kinder und Jugendliche. Neben Unterhaltung und Kommunikation können sie auch zur Information und Bildung genutzt werden. Lerninhalte lassen sich beispielsweise anschaulich und verständlich vermitteln. Darüber hinaus beschäftigen sich zahlreiche Beiträge mit Themen wie Politik, Umwelt und Gesellschaft. Laut der JIM-Studie 2025 informieren sich 32 % der Jugendlichen täglich oder mehrmals wöchentlich auf TikTok über das aktuelle Weltgeschehen. Kurze und verständlich aufbereitete Inhalte können dabei einen einfachen Zugang zu komplexen Themen ermöglichen. Auch darüber hinaus können soziale Medien zur persönlichen Weiterentwicklung beitragen. Reiseinhalte vermitteln Einblicke in andere Länder und Kulturen und können dazu anregen, neue Perspektiven kennenzulernen. Im Bereich Gesundheit finden sich ebenfalls hilfreiche Inhalte: Koch-Influencer*innen zeigen einfache Rezepte und können Jugendliche dazu motivieren, selbst zu kochen und sich mit ihrer Ernährung auseinanderzusetzen. Auch Beiträge zu Körperpflege, Hygiene und einer ausgewogenen Ernährung können Wissen vermitteln und das Gesundheitsbewusstsein stärken.
Vernetzung und Gemeinschaft – Plattformen als Sozialisationsräume
Auch über große Distanzen hinweg verknüpfen soziale Medien Jugendliche mit Freund*innen, Familie und Gleichgesinnten. Plattformen fördern Austausch, Gemeinschaftsgefühl und kulturelle Vielfalt. Sie können zum Aufbau und zur Pflege sozialer Beziehungen beitragen sowie zur Zugehörigkeit zu Peer-Groups. Außerdem bieten sie Möglichkeiten zur Erprobung und Reflexion der eigenen Identität und zur Teilhabe an jugendkulturellen Diskursen.
Soziale Medien fördern Kreativität
Das dialogische Schreiben und eine produktive Mediennutzung werden durch Soziale Medien gefördert, wie den Ausdruck eigener Gefühle und Gedanken durch Texte, Bilder oder Fotos. Eine wichtige Rolle bei der schnellen Kommunikation spielen Abkürzungen, Jugend-, Netz- und Bildsprache. [7]
Außerdem ermöglichen Soziale Medien eine niedrigschwellige Partizipation. Kinder und Jugendliche können eigene Videos erstellen, Fotos gestalten, Musik oder Kunst teilen und Geschichten erzählen.
Die Produktion von Podcasts, Memes, Kunst oder Storytelling bietet Chancen für demokratische Teilhabe. Gleichzeitig fördert die Mediengestaltungskompetenz Selbstwirksamkeit und kreative Problemlösungsfähigkeiten. Somit können Soziale Medien eine Bühne für Talente und Ideen sein.
Informelles Lernen und Wissensaneignung
Heranwachsende können in sozialen Medien wichtige Kompetenzen erwerben: etwa Informationen zu sortieren, kritisch zu analysieren und eine eigene Haltung zu entwickeln.
Jugendliche nutzen soziale Medien auch aktiv zur barrierearmen Informationsgewinnung und Wissensaneignung, beispielsweise durch Quizze, Rätsel oder Lernvideos. Tutorials, Bildungsinhalte oder Informationen zur Berufsorientierung ermöglichen ein Community basiertes Lernen. Dieses informelle Lernen kann selbstgesteuertes Lernen fördern, digitale Informationskompetenz stärken und Jugendliche bei Entwicklungsaufgaben wie Identitäts-, Werte- und Autonomieentwicklung unterstützen.
Partizipation und gesellschaftliches Engagement
Soziale Medien ermöglichen Kindern und Jugendlichen außerdem, sich über gesellschaftliche und politische Themen zu informieren und sich für Anliegen einzusetzen, die ihnen wichtig sind. Themen wie Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit oder politische Entwicklungen können über digitale Plattformen sichtbar gemacht und diskutiert werden. Darüber hinaus bieten soziale Medien Möglichkeiten zur niedrigschwelligen Partizipation. Jugendliche können eigene Meinungen äußern, Beiträge zu gesellschaftlichen Themen erstellen und sich an Diskussionen beteiligen. Digitale Beteiligung kann dadurch politische Bildung fördern und demokratische Kompetenzen stärken.
Vorbilder und Idole
Influencer*innen und Content Creator*innen nehmen im Alltag vieler Jugendlicher eine wichtige Rolle ein. Je nach persönlichem Interessenprofil werden unterschiedliche Themenbereiche verfolgt. Während Musik, Beauty und Mode stark nachgefragt werden, sind auch Sport und Technik präsent (vgl. KIM-Studie).Dabei können Influencer*innen nicht nur einen problematischen Einfluss ausüben, sondern auch als positive Vorbilder dienen. Sie können Wissen vermitteln, neue Interessen wecken oder Jugendliche dazu motivieren, sich mit bestimmten Themen intensiver auseinanderzusetzen. Entscheidend ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche lernen, Inhalte und Vorbilder kritisch zu hinterfragen und zwischen authentischen Informationen, Werbung und inszenierten Darstellungen zu unterscheiden.
Unterstützung und Empowerment
Online-Communities bieten Unterstützung bei Problemen, Austausch mit Gleichaltrigen und Hilfe bei Identitätsfragen. Dadurch kann das Selbstbewusstsein gestärkt werden.
Besonders für Jugendliche mit speziellen Interessen oder Herausforderungen können soziale Medien wichtige Unterstützungsräume sein. Sie bieten Raum für Diversität und Inklusion. Für vulnerable Gruppen können digitale Netzwerke stabilisierend wirken und niedrigschwellige Beratungsangebote ermöglichen.
Einfache Freizeitgestaltung – ein Kinderrecht
Nach Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung. Dieses Recht umfasst freie Zeit, in der Kinder und Jugendliche ohne Leistungsdruck spielen, entspannen und kreativ sein können. Auch soziale Medien können in diesem Zusammenhang Teil der Freizeitgestaltung sein. Die Teilnahme an Trends oder Challenges, kreatives Fotografieren und Filmen, der Austausch über Hobbys, das Nachkochen von Rezepten oder interaktive Quiz- und Spielangebote können zur Unterhaltung und kreativen Beschäftigung beitragen. Dabei sollte jedoch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen digitalen und anderen Freizeitaktivitäten bestehen.
Digitale Räume sind Lebenswelten, keine Parallelwelten
Kinder und Jugendliche nutzen Soziale Medien als zentralen Ort für ihre persönliche Entwicklung, daher sollten Fachkräfte diese digitalen Lebenswelten anerkennen und ernst nehmen.
Eine professionelle Begleitung sollte nicht nur auf Begrenzung abzielen, sondern vor allem auf Befähigung, Reflexion und Schutz. Ein bewusster, altersgerechter und begleiteter Umgang kann dazu beitragen, dass die digitale Welt ein wertvoller Lern- und Lebensraum wird.
Handlungsempfehlungen für Fachkräfte
Soziale Medien bieten auch für pädagogische Fachkräfte und Einrichtungen Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche direkt zu erreichen. Die Kontaktaufnahme kann häufig einfacher und weniger formell erfolgen als über klassische Kommunikationswege. Einrichtungen können soziale Medien beispielsweise nutzen, um Projekte, Angebote und Veranstaltungen sichtbar zu machen, Jugendliche gezielt zu informieren und Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen. Gleichzeitig besteht eine wichtige Aufgabe darin, Kinder und Jugendliche für einen verantwortungsbewussten, reflektierten und kritischen Umgang mit sozialen Medien zu sensibilisieren. Dazu gehört eine altersgerechte Aufklärung über Chancen und Risiken. Junge Menschen sollten darin unterstützt werden, Informationen zu hinterfragen, problematische Inhalte zu erkennen und sich mit Themen wie Datenschutz, Privatsphäre, Werbung und Selbstdarstellung auseinanderzusetzen. Ziel sollte es sein, Jugendliche nicht ausschließlich vor sozialen Medien zu schützen, sondern sie dazu zu befähigen, deren Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen und mögliche Risiken selbstständig besser einschätzen zu können.
Fazit
Soziale Medien können pädagogische Fachkräfte nicht ersetzen. Sie können pädagogische Inhalte ergänzen, das Interesse von Kindern und Jugendlichen wecken und als zusätzliches Kommunikations- und Informationsmedium eingesetzt werden. Gleichzeitig ist eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Nutzung notwendig, die durch pädagogische Fachkräfte begleitet und unterstützt werden sollte. Die aktuellen Ergebnisse der DAK-Mediensucht-Studie zeigen, dass problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen weiterhin eine relevante Herausforderung darstellt. Für das Jahr 2025 wurden insbesondere steigende Trends bei der pathologischen Nutzung digitaler Spiele, sozialer Medien und Online-Videos festgestellt. Zudem nahm die riskante Nutzung von Online-Videos signifikant zu. [4] Insgesamt bleiben die Prävalenzen problematischer Mediennutzungsmuster bei Kindern und Jugendlichen auf einem hohen Niveau. Vor diesem Hintergrund kommt die Förderung von Präventions- und Interventionsmaßnahmen sowie der gezielten Vermittlung von Medienkompetenz eine besondere Bedeutung zu.
Stand: 10.09.2026 | Autorinnen: Nama Abazeid, Lugina Mohamad, Angelie Ahrendt | V.i.S.d.P.: Anna-Lisa Nikoleizig, Olaf Schütte
Quellen:
