Wie radikalisieren sich junge Menschen?

Radikalisierung wird oft mit Erwachsenen, mit langen Entwicklungsprozessen oder mit klar erkennbaren extremistischen Milieus verbunden. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg zeichnen jedoch ein anderes Bild: Sie zeigen, wie früh, wie schnell und wie unauffällig Jugendliche in gewaltverherrlichende extremistische Szenen abrutschen können – häufig mitten aus ihrem alltäglichen Umfeld heraus. Die Untersuchung macht deutlich, welche Warnsignale es gibt, welche Rolle digitale Räume spielen und warum Prävention nicht erst dann ansetzen darf, wenn strafrechtlich relevantes Verhalten sichtbar wird.

Das Landeskriminalamts Baden-Württemberg hat zwischen 2020 und 2025 insgesamt 37 Fälle junger Menschen untersucht, die im Zusammenhang mit schwerer extremistischer Gewalt auffällig wurden. Auch wenn diese Zahl zunächst überschaubar wirkt, geben die Ergebnisse Anlass zur Aufmerksamkeit – insbesondere für Fachkräfte und Eltern.

Im Fokus der Untersuchung standen Fälle, in denen Jugendliche wegen der Vorbereitung schwerer staatsgefährdender Gewalttaten (§ 89a StGB) oder wegen der Ankündigung solcher Taten (§ 126 StGB) sicherheitsbehördlich auffällig wurden. In mehreren Fällen hatten die Betroffenen in sozialen Medien bereits konkrete Absichten veröffentlicht, etwa die Ankündigung eines Amoklaufs.

Radikalisierung findet online statt – oft sehr schnell

Die Studie beschreibt die sogenannte „Terrorgramszene“ als ein Netzwerk aus öffentlichen und privaten Chatgruppen, die vor allem über Telegram, aber auch über Discord oder Gaming-Plattformen organisiert sind. Diese digitalen Räume sind häufig jugendzentriert, niedrigschwellig zugänglich und bieten schnelle Anschlussmöglichkeiten.
Besonders alarmierend: In rund der Hälfte der Fälle verlief die Radikalisierung in weniger als einem Jahr. Fachlich wird hier von einer „Blitzradikalisierung“ gesprochen. Nach anfänglichem Interesse und ersten Kontakten in extremistische Online-Milieus gerieten die Jugendlichen innerhalb sehr kurzer Zeit durch die Ankündigung oder Vorbereitung von Gewalthandlungen in die polizeiliche Intervention.

Das Durchschnittsalter der untersuchten Personen lag bei 16,4 Jahren. Ein Viertel der Betroffenen war unter 14 Jahre alt und damit strafunmündig. Alle untersuchten Fälle betrafen männliche Jugendliche.
In 27 % der Fälle waren die Vorbereitungshandlungen für schwere Gewalttaten bereits weit fortgeschritten, in weiteren 33 % deutlich erkennbar. In 12 % der Fälle kam es zu konkreten öffentlichen Ankündigungen von Straftaten, etwa über soziale Netzwerke.

Psychische Belastungen und soziale Isolation als zentrale Faktoren

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die enge Verbindung zwischen Radikalisierung und psychosozialen Belastungen. 68 % der Betroffenen hatten eine diagnostizierte psychische Erkrankung. Viele litten unter mehreren Belastungen gleichzeitig.

Hinzu kommen schwierige Lebensumstände: in 37 Prozent der Fälle waren die Jugendlichen von familiärer Vernachlässigung, ebenfalls in 37 Prozent von körperlichem Missbrauch und in der Hälfte der Fälle von sozialer Desintegration betroffen.
Viele der Jugendlichen wirkten laut Studie orientierungslos, sozial vereinsamt und ohne stabile Bezugspersonen. Extremistische Online-Gruppen boten ihnen scheinbar einfache Erklärungen, klare Feindbilder und ein Gefühl von Zugehörigkeit.

In 79 % der untersuchten Fälle gab es eindeutige und oft zahlreiche Warnsignale, die im familiären oder schulischen Umfeld erkennbar waren. Dazu zählten unter anderem extreme Gewaltfantasien oder -verherrlichung, radikale Sprache, Rückzug und soziale Isolation sowie auffällige Online-Aktivitäten.
Dass diese Signale nicht immer zu frühzeitiger Hilfe führten, zeigt, wie wichtig Handlungssicherheit und Unterstützungsstrukturen für Eltern und Fachkräfte sind.

Die Studie beschreibt zudem wiederkehrende Motive für den Einstieg in extremistische Milieus. Dazu zählen starkes Ungerechtigkeitsempfinden, Hass und Wut, die Suche nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Status und Respekt sowie eine ausgeprägte Faszination für Gewalt und Waffen.
In 35 % der Fälle fiel zudem ein deutlicher Mädchen- und Frauenhass auf, häufig in Verbindung mit sogenannten Incel-Narrativen. Diese Ideologien verstärken Gewaltfantasien und bieten einfache Schuldzuweisungen für persönliche Frustrationen.

Was hilft? Empfehlungen für Prävention und Intervention

Die Studie macht deutlich: Repression allein reicht nicht aus. Erfolgreich waren vor allem frühe, vernetzte Maßnahmen. In 70 % der Fälle erfolgte die Identifikation der Jugendlichen durch Nachrichtendienste, oft bevor es zu tatsächlicher Gewalt kam. Danach wurden häufig Jugendämter einbezogen, Ausstiegsprogramme vermittelt oder Unterstützungsangebote für Schulen genutzt.

Die Autor*innen empfehlen unter anderem:

  • den Ausbau von Ausstiegs- und Beratungsangeboten, auch für Eltern und Fachkräfte
  • dauerhafte zusätzliche Stellen für Jugendsozialarbeit
  • mehr Therapie- und Betreuungsplätze für psychisch belastete Kinder und Jugendliche
  • konsequente Regulierung digitaler Plattformen und die Anwendung rechtlicher Möglichkeiten gegenüber Anbietern
  • die Stärkung von Medienkompetenz bei Kindern, Jugendlichen und Eltern
  • den Ausbau von zivilgesellschaftlichen Angeboten wie Digital Streetwork sowie staatlichen Online-Präventionsformaten

Ebenso wichtig ist die soziale Teilhabe: Begegnungs- und Betreuungsorte, offene Jugendarbeit, Sportvereine und Freizeitangebote schaffen reale Bindungen – und damit Schutzfaktoren gegen Radikalisierung.

Die Ergebnisse der Studie zeigen: Radikalisierung entsteht selten aus dem Nichts. Sie entwickelt sich dort, wo psychische Belastungen, soziale Isolation und digitale Räume ohne ausreichende Begleitung zusammentreffen. Für Fachkräfte und Eltern bedeutet das keinen Vorwurf, sondern einen klaren Handlungsauftrag: hinschauen, ernst nehmen, ansprechbar bleiben – und auf verlässliche Unterstützungsstrukturen bauen.

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